JEDERMANN / EVERYMAN
Katharina Pethke ⎜D 2016 ⎜30 min ⎜S16mm ⎜s/w
Montage: Daniela Kinateder
Uraufführung: Crossing Europe, Linz (AT) 2016
funded by BKM and FFHSH

Prädikat „besonders wertvoll“ der FBW Wiesbaden

Festivals

2016 14th International Short & Independent Film Festival Dhaka, Bangladesh
2017 Rencontres Internationales Paris/Berlin
2017 4th International Motion Festival Cyprus

The actor Philipp Hochmair is working on becoming the EVERYMAN. The filmic narration revolves around the mime’s quest for identity of his diverse persona. He seems to lose self-perception, becomes desperate, then rises again – needing to be nothing and nobody to become everything and everyman?

Philipp Hochmair als Jedermann. Ein Selbstdarsteller. Draufgänger. Exhibitionist. Provokateur. Einsamer Wolf. Eine eigenwillige filmische Erzählung vom Suchen und Hinterfragen von Identität, von selbsternannten und fremdbestimmten Rollenbildern, die Handeln und Freiheit definieren. Von einem Schauspieler, der auf allen denkbaren Ebenen konstruiert und dekonstruiert (wird), dessen Selbstbild sich aufzulösen droht, und an deren Ende vielleicht genau darin seine Chance liegt: Niemand sein bedeutet, Jedermann sein zu können.

read more

https://www.fbw-filmbewertung.com/film/jedermann_1

 

Philipp Hochmair ist Schauspieler. Ob für Kamera oder Bühne, ob für ein großes oder ein kleines Publikum – Hochmair ist nur dann in seinem Element, wenn er spielen kann und wenn er eine Rolle annimmt, sie ausfüllt und sie ihn ausfüllt. Im Jahr 2013 begann Hochmair, Hugo von Hoffmannsthals „Jedermann“ als Ein-Personen-Stück zu entwickeln. Die Filmemacherin Katharina Pethke begleitet Hochmair bei diesem Unternehmen. Doch anstelle von simplen Beobachtungen von Hochmairs Kunst geht sie in ihrer Dokumentation noch einen Schritt weiter. Gekonnt und kunstvoll inszeniert sie die Beobachtungen. Die Räume, die sie filmt, gestaltet sie mit besonderem Licht, arbeitet mit Montage, mit Auslassungen, zeigt den Künstler in seinem Wirkungskreis und macht so auch seine Besessenheit und Getriebenheit deutlich. Vor allem am Ende des Films, wenn Hochmairs Performance beendet ist und er in der Garderobe sitzt, wird die enge Beziehung des Darstellers zum Rezipienten deutlich. Hier schaut Hochmair in die Kamera. Er ist leer, wie ausgepumpt, er hat alles gegeben. Doch die Kamera lässt ihn nicht los, fordert ihn, beobachtet ihn weiter. Hier spürt man, wie nah sich Film und Gefilmter kommen. Und man spürt auch die Faszination, die Hochmair und sein Beruf auf den Betrachter ausüben. Genau das ist die Dokumentarfilmkunst, die Pethke und ihr Film JEDERMANN leisten. Eine spannende und künstlerisch ganz eigene Beobachtung über einen Künstler, seine Kunst und sein Wesen.

 

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

 

Der österreichische Theaterschauspieler Philipp Hochmair – nur gelegentlich im Kino zu sehen – gilt als eine der Ausnahmeerscheinungen der deutschsprachigen Theaterlandschaft: Ein Spielwütiger, der vollkommen in seinen Rollen aufgeht und der beispielsweise Hugo von Hofmannsthals berühmten „Jedermann“ als One-Man-Show auf die Bühne bringt, in der er jede einzelne der zahlreichen Rollen selbst übernimmt. Ein Kraftakt, der seinesgleichen sucht. Katharina Pethkes dokumentarisches Essay ist der Versuch einer Annäherung an diesen Mann, der selbst angesichts der Kamera immer zu spielen scheint. Auf diese Weise entsteht ein elegantes Vexierspiel um (Schau)Spiel und Leben, Fiktion und Realität, Rolle und Selbst.

 

Die Impressionen, die Pethke dabei einfängt, fügen sich beinahe beiläufig zu einem schillernden Mosaik zusammen, das verschiedene Aspekte und Facetten des Ausnahme-Schauspielers vereint: Seine unglaubliche Vitalität, seine Rastlosigkeit und Unruhe, die ihn atemlos von Ort zu Ort, von Rolle zu Rolle hetzen lässt, das Unbehauste seiner Existenz, das nur ganz selten zu Ruhe oder gar zu Stillstand kommt. Und gelegentlich blitzt zwischen diesen Bildern auch eine Form der Verlorenheit durch, die Ahnung eines Mannes, der vielleicht vor lauter Rollen und Aneignungen fremder Menschen gar nicht mehr selbst weiß, wer er eigentlich wirklich ist.

Dabei ist der Film trotz seiner Nähe zu dem Schauspieler keineswegs ohne Distanz: Der für den Beruf eines Schauspielers vielleicht notwendige Narzissmus, der hier immer wieder durchscheint, seine Freimütigkeit, mit der er bekennt, dass er geradezu süchtig ist nach verschiedenen Formen von (Liebes)Beziehungen, sein ständiges Posieren und Sich-Ausstellen – all das ist nicht nur sympathisch, sondern zeichnet ein durchaus ambivalentes Bild des Mimen, ohne diesen jemals bloßstellen zu wollen.

 

Am Ende sehen wir Hochmair nach seinem Auftritt, er wirkt erschöpft und zum ersten Mal auch ein wenig genervt von der ständigen Anwesenheit der Kamera, die ihm in diesem Moment der Verausgabung auf den Leib rückt. Ein Blickduell, ein Lachen und dann der Wurf mit der gerade abgezogenen Perücke lassen urplötzlich einen Mensch aufscheinen, der eine ganz weiche und verletzliche Seite offenbart. Und ja – man würde durchaus gerne mehr von diesem Ausnahmekünstler in Erfahrung bringen – sofern er einen denn ließe.

 

Die Jury der FBW erteilte diesem stimmigen und vielschichtigen Porträt eines Schauspielers das Prädikat „besonders wertvoll“.

 

https://warehouse.industries/de/entry/jedermann/

 

“Change, Philipp change, change!“ exclaims the photographer while he stages the star-actor Philipp Hochmair for the premiere photos. The Film follows Hochmair’s professional identity chaos, his excessive roles, his smooth exhibitionism intimately and cautious. From an actor who is constructed and deconstructed on all conceivable levels, whose self-image threatens to dissolve, and at the end of which, perhaps, precisely this is his chance: to be nobody means being able to be everyman.

 

Pujan Karambeigi: Could you tell us something about how it was to work with such a professional actor, being on the search for himself? How are we to imagine your instructions and your experimental setting? Or, to put it differently, have you even bothered to counter his roleplays?

Katharina Pethke: First of all, I have not assumed „something hidden“, an identity lying behind the roles, just waiting to be uncovered. In dealing with Philipp I understood, that the concept of identity needn’t be onionlike, but perhaps network-like instead: one thing conditions the other, inspires and destroys it. That must be the inner civil war which he then talks about. That’s why it was never an option to make a classical documentary in which the actor is shown at home, or learning his lines and so forth. The challenge was treating all this on the same level. Fittingly, Philipp was working on a post-dramatic play of JEDERMANN just at that time, in which he plays all roles in a one-man show. This was obviously very fitting.

PK: „Chaos of identity, chaos of identity, I repeat, chaos of identity“, says Philipp Hochmair to the public in Vienna, while we watch how the camera follows the twisting path of a street. How did the sound and image track come together?

KP: I have equipped Philipp for over a year with a Dictaphone, that he could treat like some sort of diary. Sometimes I asked questions or gave a few instructions, but generally I was first observing what happened, when there was this space that he needed to fill, in his own way, almost monologically, confronting himself or the roles. Some situations turned absurd, funny, but others also really interesting – I got them all on a